Ich fühle mich, als hätte ich gerade meine Stimme bei der Bundestagswahl abgegeben – und dann öffentlich gemacht. Und das, nachdem ich eine Partei gewählt habe, die ich eigentlich gar nicht wählen wollte. Als wäre es quasi aus Versehen passiert. „Ja, ich habe mich fürs Fitnessstudio angemeldet“, schreibe ich und irgendwie klingt es nach einem Bekenntnis, für das ich mich schäme. Aber warum eigentlich?

Während meines Studiums kam irgendwann der Tag, an dem meine Kommilitonin Yael meinte: „Komm, wir melden uns jetzt für ein Fitnessstudio an. Wenn wir das beide machen, können wir wenigstens immer zusammen dorthin und uns zum Sport zwingen.“ Ich empfand das damals als eine tolle Idee. Natürlich haben wir uns angemeldet.

Wir waren Studenten, hatten kein Geld, aber den Drang nach Bewegung – und um die Ecke einen Sportclub, in dem wir monatlich nur 15 Euro zahlen mussten. Das war machbar. Eine abgeranzte Muckibude war das damals, aber besser als nichts. Wir waren so motiviert, dass es uns egal war, dass es in den viel zu kleinen, in intensivem Gelb gestrichenen Räumlichkeiten gerochen hat wie unter Hulks Achsel. Auch, dass der Laden sich das Gebäude mit einem Erotikkino geteilt hat.

Es war nicht immer cool, ins Fitnessstudio zu gehen

Ich erinnere mich daran, dass wir damals ziemliche Exoten waren, weil wir ins Fitnessstudio gegangen sind. Wer was auf sich hielt, ging eigentlich an der Kinzig joggen. Das habe ich auch mal versucht, als ich Laufen noch leiden konnte. Es hat sich nicht durchgesetzt. Rückblickend wundere ich mich darüber ein wenig, schließlich habe ich zu dieser Zeit in einer WG neben einem Puff gewohnt. Die Atmosphäre hätte sich zu der im Fitnesscenter also eigentlich nichts schenken dürfen.

Dann zog ich nach München. Neues Umfeld, selbe Idee: Wenn ich mich erstmal in einem Fitnessstudio angemeldet habe, dann mache ich auch Sport. McFit, FitStar und wie sie alle heißen, durften sich in den vergangenen zehn Jahren über eine regelmäßige Geldspende von mir freuen. Ich nenne es bewusst Spende, denn wirklich oft war ich nicht dort. Brav Mitgliedsbeitrag bezahlt hingegen habe ich immer irgendwem – war ja nicht so viel pro Monat. Hochrechnen möchte ich den Betrag aber lieber nicht, den ich über Jahre hinweg hätte sinvoller investieren oder aufs Sparbuch legen können. Vermutlich könnte ich längst Eigenheimbesitzerin sein. In München.

Angemeldet ist jeder – aber wer geht auch wirklich hin?

Im Jahr 2013 legte sich dann ein Schalter bei mir um: Ich wollte trainieren. So richtig. Nicht nur ein bisschen draußen laufen gehen oder mal ins Yoga, sondern richtig trainieren. Also meldete ich mich in einem Fitnessstudio an, das auf dem Weg lag – auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Meine Tram hielt jeden Tag genau vor der Eingangstür des Studios. Das habe ich tatsächlich irgendwann genutzt. Ich bin jeden Tag mit der Sporttasche in die Arbeit fahren. Auf dem Nachhauseweg an der Muckibude vorbeizulaufen, ohne hineinzugehen, war keine Option. Zum einen hatte ich die schwere Tasche ja extra dafür den ganzen Tag mit mir herumgeschleppt, zum anderen hatte ich keine Ausrede mehr.

Es war eine Zeit, in der ich so fit und durchtrainiert war wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und es fühlte sich gut an. Im Sommer 2014 hatte ich eine richtige Routine entwickelt: Jeden Tag nach der Arbeit war Sport angesagt. Nicht weil ich musste, nicht weil ich mich dazu gezwungen hatte – sondern weil es eine ganz natürliche Handlung war, die zum Tag gehörte. Wie Zähneputzen. Besonders geliebt habe ich Spätdienste: Wenn ich um Mitternacht die Redaktion verließ, lag die Stadt ruhig und entspannt vor mir, im Fitnesscenter waren nur noch maximal fünf Leute, ich hatte alle Geräte und Trainingsbereiche quasi für mich. Danach bin ich erschöpft ins Bett gefallen, konnte dann am nächsten Tag ausschlafen. Es war wunderbar. Meinen Mann hat es nicht gestört, denn ob ich nach Mitternacht oder erst gegen 2:30 Uhr nach Hause komme, hatte für ihn keinen Unterschied gemacht.

Das Fitnessstudio ist tot – es lebe das Fitnessstudio!

Die Geschichte, warum ich wieder mit dem Sport aufgehört habe bzw. aufhören musste, kennt ihr ja bereits. In dieser Zeit war ich auch in keinem Fitnesscenter – weder angemeldet noch physisch anwesend. Ein bisschen Rückbildungsgymnastik hier, ein bisschen Probetraining dort. Reinschnuppern, rauslaufen, fertig. Das war’s. Anfang dieses Jahres hat es mich dann gepackt. Ich wollte mich wieder mehr bewegen, dieser Blog sollte dabei helfen. Tut er auch, sehr sogar.

Und weil es so viel Spaß macht, mich wieder mit meinen Muskeln auseinanderzusetzen, habe ich es erneut gewagt: Ja, ich habe mich im Fitnessstudio angemeldet. Diesmal nicht mehr in einer schwitzigen, muffigen Kammer, in der sich dreimal so viele Menschen aufhalten wie überhaupt Geräte verfügbar sind. Sondern in einem Studio, das mir persönlich sehr zusagt. Weil es lustige Kurse anbietet, die ich in dieser Zusammenstellung sonst noch nirgends gesehen habe. Weil es einen Pool mit Dachterrasse gibt, auf der man nach dem Schwimmen in der Sonne braten kann. Weil es Saunen gibt. Und weil ich eben keine Studentin mehr bin.

Was noch fehlt: Das Selbstbewusstsein für die Freifläche

Es ist ein komisches Gefühl, wieder gemeinsam mit anderen Leuten im selben Raum Sport zu machen. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie denke ich immer, ich würde beobachtet werden. Von durchtrainineren Frauen, die verächtlich auf mich und meine Winkeärmchen herabschauen. Von muskelbepackten Männern, die vor lauter Testosteron gar nicht anders können, als vor mir Weibchen einen Balztanz aufzuführen. Von den Trainern, die im Studio natürlich ständig darauf achten, wer wie traininert, ob er die Übungen richtig ausführt oder die Geräte falsch benutzt. Ich weiß, dass es recht arrogant ist zu denken, dass jeder MICH anschaut. Als wäre ich der Grund, dass andere Leute ins Fitnessstudio gehen. Sollte das tatsächlich mal passieren, dann bitte, weil derjenige diesen Blog gelesen und sich dadurch inspiriert und motiviert gefühlt hat.

Seit ihr mir einrede, dass wir uns alle aus einem ähnlichen Grund in den heiligen Hantelhallen befinden, komme ich deutlich besser zurecht. Ich halte mich jetzt an alte Ladys in der Krafttraining-Area, dem Gerätepark und beim Aquafitness. Die haben nicht nur ein ähnliches Tempo beim Training wie ich, sondern sind auch immer toll hergerichtet. Stets geschminkt, schick angezogen und mit einem Selbstbewusstsein gesegnet, das sagt: Ich habe so vieles im Leben gesehen und gehört, dass mir mittlerweile alles außer mir selbst, meinem Spaß und meiner Gesundheit egal ist. Das ist eine Einstellung, die mir zusagt – und die eine wichtige Lektion darstellt.

Sport ist Sport – und darum geht’s

Ich mache Sport, weil ich Sport machen möchte. Weil ich mich damit gut fühle. Weil er mir hilft. Weil er mein Leben besser macht. Weil er mich glücklich macht. Ich gehe ins Fitnessstudio, weil ich weiß, dass ich dort auf einen Blick und mit einem Griff alles habe, was ich für ein für mich abwechslungsreiches Training brauche. Und im Zweifel Hilfestellung bekomme, wenn ich nicht weiter weiß. Ich stehe nicht auf dem Crosstrainer, weil ich mir Gedanken darüber mache, ob mein Hintern sich dadurch besonders sexy bewegt oder ob meine Brüste rhythmisch wippen. Ich klemme mich auch nicht in die Beinpresse, weil ich mir mit anderen Besuchern einen Wettstreit liefern will, wer das meiste Gewicht stemmen kann. Ich bin dort mit mir und für mich – nicht, um andere Leute zu beeindrucken.

Vor Jahren hat mein Mann mal etwas Tolles zu mir gesagt, als ich mich nicht getraut habe, auf der Straße zu joggen, weil ich Angst davor hatte, was die Leute denken. Und davor, dass sie sich über mich lustig machen. Er meinte: „Hast du mal darüber nachgedacht, dass sie gar nicht lästern, sondern dich bewundern? Egal, wie du aussiehst, ob du dick bist oder wie du dich bewegst: Allein die Tatsache, dass du läufst, ringt ihnen Respekt ab. Auch Neid ist nur eine Art von Ehrfurcht.“ Daran halte ich mich fest – und gehe jetzt wieder brav jeden Tag nach der Arbeit ins Fitnessstudio.

Wenn Krawalla nicht gerade meine Sporttasche versteckt hat. Oder ich die Hälfte vergessen habe einzupacken. Oder ich länger arbeiten muss. Oder die Kita schon früher um meine Anwesenheit bittet. An Tagen, an denen mir keine Ausrede einfällt, bin ich aber wirklich fleißig. Das habe ich mir selbst versprochen.

 

Ich, Nina, Jahrgang 1986 und Gründerin des Blogs „Ich mach dann mal Sport“, bin Zeit meines Lebens verliebt in Wort und Schrift. Jetzt nehme ich euch mit auf meine Suche nach Motivation und meinen Weg zu mehr Fitness.

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