Ausprobiert: Pole Dance - Erfahrung zwischen Krafttraining und Klischee

Pole Dance, Kurs Ich war beim Pole Dance, weil ich wissen wollte, was es mit den Klischees auf sich hat. ©Nina-Carissima Schönrock/ichmachdannmalsport.de

Pole Dance! Damit verband ich bislang nur eines: Junge, attraktive Frauen, die sich in knappen Höschen an  deckenhohen Stangen räkeln. Doch was einst zwielichtigen Etablissements vorbehalten war, gilt heutzutage als Trendsport. Freundinnen von mir schwören auf die sportliche Intensität des Stangentanzens. Mit Stripclub und Klischees soll das angeblich nichts zu tun haben. Weil ich ihnen natürlich mal wieder kein Wort glaube, habe ich einen Pole-Dance-Kurs besucht. Der Erfahrung wegen. Was ich dann erlebte, machte mich fassungslos.

Am Anfang war die Neugier

Britney Spears beherrscht ihn, Quentin Tarantino liebt ihn, und ein Münchner Student hat dafür vor einigen Jahren sogar 93.000 Euro seiner Eltern verprasst: Stangentanz. Frauen, die sich an etwas räkeln, haben Jahrtausende lange Tradition und hinterlassen bis heute bei jedem, der sie dabei betrachten darf, einen bleibenden Eindruck. Auch bei mir.

Pole Dance, Kurs

Filigran kommt später. Erstmal checken, wie man das Bein beim Pole Dance als Hebel benutzen kann. ©Nina-Carissima Schönrock/ichmachdannmalsport.de

Ja, ich war schon mal in einer Tabledance Bar. Und ja, ich fand es dort ziemlich spannend. Blenden wir all den Champagner, die schmierigen Typen und die nackten Brüste mal aus und konzentrieren uns direkt auf das, was ich in diesem Gentlemen’s Club so faszinierend fand: Die akrobatische und graziöse Leistung der durchweg durchtrainierten Damen. Ich kam mir vor wie im Cirque du Soleil des Verbotenen.

Natürlich hätte ich das damals schon gern selbst ausprobiert. Doch da galt Pole noch als etwas Besonderes, Verruchtes. Inzwischen ist es landesweit in gefühlt jedem dritten Tanz- oder auch Fitnessstudio als Kurs verfügbar. Zwei meiner Freundinnen sind bekennende Anhängerinnen dieses Sports geworden. Sowohl die Dame im metropoliten München, als auch die Dame aus der 8.000-Seelen-Gemeinde im Schwarzwald haben mir nun so oft und ausführlich vom Stangengetanze erzählt, dass ich mich selbst in eine Schnupperstunde gewagt habe. Endlich.

Eine Stunde reicht, um bereits Eindruck schinden zu können

Vor Beginn der Stunde erhalte ich Instruktionen, was ich zur Kursstunde alles mitbringen soll: Eine Leggins, ein T-Shirt, etwas Langärmliges fürs Warm-up und Cool-down, eine kurze Hose oder Panty, Socken. Die Socken braucht’s zum (wörtlichen) reibungslosen Zehenspitzeneinsatz, die Panty zum „Festhalten mit der Haut“ bei allen Figuren, die Schenkelperformance erfordern. Bei diesen Erläuterungen wird es mir bereits mulmig.

Noch mulmiger wird es mir, als ich mich in einer Reihe mit Schenkelsport affinen Reiterinnen und bewegungserfahrenen Jazztänzerinnen an die Stange stellen darf. Beinahe die Nerven verliere ich, als sich zeigt, dass das Aufwärmtraining beim Pole Dance aus einer Variation weniger Yoga- und verdammt vieler HIIT-Elemente besteht. So bin ich bereits nach 15 Minuten Aufwärmen völlig verschwitzt und erschöpft.

„Bin ich zufällig viel zu unsportlich und zu dick für diesen Kurs?“, frage ich die Trainerin und bekomme sowohl ein Lächeln zurück als auch eine wichtige Info: Nein, zu dick und zu unsportlich gibt’s beim Pole Dance nicht. Im Gegenteil: Sie selbst sei „krass übergewichtig“ gewesen, als sie vor vier Jahren mit dieser Sportart begonnen habe. Und siehe da: Regelmäßiges Training und üben, üben, üben wären beim Pole der alleinige Schlüssel zum Erfolg. Kraft und einen definierten Körper gäbe es quasi gratis dazu. Ich versuche, ihr zu glauben. Ihr, der Trainerin, die mit ihren 1,60 Metern Körpergröße, ihren 50 Kilo und ihrem hellblonden Pferdeschwanz, der bis zu ihrem Hintern reicht, feengleich um die Stange gleitet.

Pole Dance, Kurs

Gleiten, nicht fallen lassen! Leichter gesagt als getan. ©Nina-Carissima Schönrock/ichmachdannmalsport.de

Tanzen mit der Anmut eines Grauwals

Sie zeigt uns, welche Choreographie wir in der heutigen Stunde lernen werden. In die Hocke. Langsam sexy aufrichten. Wieder in die Hocke. Schneller sexy aufrichten. Rechte Hand an weit oben an die Stange. Auf Zehenspitzen im Takt einmal um die Stange stolzieren. Zweite Hand an die Stange. Linkes Bein hoch und sexy um die Stange legen. Stange mit Bein einklemmen bitte. Linke Hand loslassen, sexy kreisende Armbewegung in Rückenlage. Zurück zur Stange. Rechte Hand loslassen, sexy kreisende Armbewegung in Rückenlage, mit geradem Rücken Hand an den rechten Fuß und zügig, aber sexy wieder aufrichten. Hand zurück an die Stange und dann – zack – Backwards Hook Spin.

Wenn euch das jemand vormacht, sieht das erstmal total easy aus. Überhaupt sind das beim Pole allesamt recht weiche, fließende Bewegungen und dieser Rückwärts-Spin wirkt zunächst, als müsse man sich einfach nur nach hinten fallen lassen. Den Rest erledigt die Schwerkraft. Stimmt ein Stück weit auch, aber eben nicht ganz. Das, was da nach Schwerkraft aussieht, hat nämlich hauptsächlich mit Kraft zu tun und „schwer“ ist dabei nicht unbedingt förderlich. Zumindest habe ich mein Gewicht aufgrund meines Mangels an Arm- und Beinmuskulatur eher als hinderlich empfunden. Das gilt leider für fast alle Figuren, die ich in unserem Schnupperkurs kennenlernen darf.

Das ist mein Fazit

Wenn ich mein Scheitern an der Supergirl-Figur mal außen vor lasse, kann ich voller Begeisterung sagen: Innerhalb einer halben Stunde konnten wir Anfänger bereits eine vollständige kleine Choreographie tanzen. Das war definitiv ein Erfolgserlebnis und hat bei mir die Lust auf mehr geweckt. Bis ich mich das nächste Mal an die Stange wage, werde ich allerdings noch etwas Krafttraining absolvieren, um zumindest in Sachen Flexibilität und graziler Übungsausführung besser aufgestellt zu sein.

Wer befürchtet, beim Pole würde es sich um einen reinen Sexkurs handeln, dem sei gesagt: Diese Angst ist unbegründet. Natürlich lebt hier viel vom Spiel mit nackter Haut und heißen Posen, doch ich sehe das Ganze nach meiner ersten Kursstunde deutlich nüchterner: Als Mittel zum Zweck für wirklich anstrengendes Ganzkörpertraining, bei dem Muskeln, Beweglichkeit, Koordination und Körperspannung die dominanten Rollen spielen.

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Gelernt: Am Boden räkeln ist nur so lange leicht, bis man sich an einer Hand plötzlich aus dem Liegen in den Stand ziehen soll. ©Nina-Carissima Schönrock/ichmachdannmalsport.de

Pole Dance: Das sind die wichtigsten Fakten

Mit Wodka reinigt man die Stangen, damit sie griffiger werden. Magnesia an den Händen sorgt dafür, dass man nicht abrutscht. Bodylotions und Cremes haben am Trainingstag nichts auf dem Körper zu suchen, weil man sich sonst nicht mehr mit der Haut an der Stange halten kann. Sich mit der Haut (egal ob an den Händen, am Knie oder zwischen den Oberschenkeln) an der Stange zu halten tut höllisch weh, selbst wenn man das schon seit ein paar Jahren macht. Viele Körperteile dienen als Hebel während der Figuren und die richtige Technik hierbei spart einiges an Kraft. Berührungsängste und Schamgefühl sind beim Pole Dance aus zu vielen Gründen absolut fehl am Platz. Und nun zu den sportlichen Fakten:

Wie viele Kalorien werden beim Pole Dance pro Stunde verbrannt?

Warm-up, Training und Cool-down bringen es zusammen auf rund 400 Kalorien pro Stunde. Das sind zwar deutlich weniger Kalorien als beispielsweise bei einer Ausdauersportart wie Laufen oder Kraftausdauertraining wie Bodypump. Aber: Verbrannte Kalorien sind ja nicht alles. Gepaart mit einer ausgewogenen Ernährung lässt Pole aufgrund der Muskelarbeit dennoch die Pfunde schmelzen.

Sind Vorkenntnisse oder Erfahrung nötig?

Vorkenntnisse oder Erfahrung im Stangentanz sind nicht nötig. Allerdings ist eine gewisse Grundkondition von Vorteil. Der gesamte Sport lebt von Kraft, Kraftausdauer und Flexibilität. Wer also mit Pole Dance starten möchte, sollte sich darüber im Klaren sein, dass auch Anfängerfiguren davon leben, dass man sein gesamtes Körpergewicht mit nur einer Hand an einer Stange halten und koordinieren muss. Wer schon mal Yoga gemacht hat, profitiert beim Pole definitiv von der bereits erlernten Körperbeherrschung und -mobilisierung.

Ist Pole Dance für Sportanfänger geeignet?

Absolut. Beim Pole spielen Alter, Geschlecht und Fitnesslevel erstmal keine Rolle – zumindest nicht beim Start. Denn diese Sportart lebt von ihren Figuren und Choreografien. Diese gibt es in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen und für sie alle gilt: Wer fleißig trainiert, schafft das schon. Übung macht hier eindeutig den Meister. Denn was bei Pole Dance wirklich zählt sind Kraft und Gelenkigkeit.

Beides kann trainiert werden, nicht nur mit Pole selbst, sondern auch vielen weiteren Sportarten oder Fitnessstudiobesuchen. Bereits nach einer Trainingsstunde ist man als Kursteilnehmer in der Lage, eine kleine Choreographie an der Stange zu tanzen. Jede weitere Stunde garantiert neue Erfolgserlebnisse.

Ist die Sportart gut als Ausdauertraining geeignet?

Klassisches Ausdauertraining ist Pole nicht. Allerdings wird durch diesen Sport durchaus die Ausdauer verbessert. Das zumindest sagen langjährige Pole-Trainerinnen, die ich in mehreren Städten dazu befragt habe. Schließlich gilt es, die eigene Kondition grundlegend zu verbessern und dadurch das Krafttraining und den Muskelaufbau zu unterstützen.

Ist die Sportart gut als Krafttraining geeignet?

Und wie! Pole setzt komplett auf Kraft und Flexibilität. Deshalb ist diese Sportart ideal dafür geeignet, um Kraft aufzubauen und beweglicher zu werden. Schultern, Arme, Hüftbeuger und Bauchmuskeln werden bei diesem Ganzkörpertraining besondern beansprucht.

Eignet sich Pole Dance für Menschen mit Gelenkproblemen?

Wenn ihr Gelenkprobleme oder auch Rückenbeschwerden habt, klärt bitte vor der ersten Trainingsstunde mit eurem Arzt ab, ob sich dieser Sport wirklich für euch eignet. Stangentanz beansprucht den Rücken sehr stark, weshalb er für Menschen mit Bandscheibenvorfällen eher ungeeignet ist. Außerdem werden viele der Figuren mit dem Knie stabilisiert. Dessen sollte man sich bewusst sein und gegebenenfalls besser eine andere Sportart wählen.

Wie abwechslungsreich ist dieser Sport?

Es gibt mehr als 300 Figuren, die man sich über die Jahre antrainieren kann. Das macht Pole Dance zu einer abwechslungsreichen Sportart mit unterschiedlichsten Choreographie-Möglichkeiten. Mal völlig abgesehen von den unterschiedlichsten Einsatzmöglichkeiten dieses Sports: Vom normalen Kurs über besondere Sonderkurse mit High Heels oder anderen spannenden Dingen, von Wettbewerben bis hin zum Stripclub. Alles ist machbar.

Die Kettlebells stehen hier für 0=gar nicht, 1=nicht unbedingt, 2=geht so, 3=einigermaßen, 4=gut, 5=sehr gut

 

 


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