Die Sache mit der Zwangsentschleunigung und meinem 80 Jahre alten Ich

Zwangsentschleunigung Zwangsentschleunigung ist nicht meins, muss aber wohl ab und zu sein. ©Nina-Carissima Schönrock/ichmachdannmalsport.de

Guten Tag, mein Name ist Nina und ich habe ein Problem: Ich jammere. Das mag daran liegen, dass in meinem Kopf gerade ein imaginärer Ohrwurm herrscht, der zu einer Melodie von Oli P. singt „Gib mir mein‘, gib mir mein‘ Sport zurück, bevor ich auseinandergeh‘! Du brauchst diese Pause nicht … bitte gib mir mein‘ Sport zurück!“ Der Grund dafür heißt Zwangsentschleunigung 2.0 und ich mag das nicht. Willkommen im Status-Update zu meinem derzeitigen Befinden.

Es ist mitten unter der Woche, kurz nach Mittag und ich sitze in einem Trainingsanzug auf dem Sofa.

Würde ich die Zeit um einige Monate zurückdrehen, hätte ich hierfür eine tolle Erklärung, auf die ich sogar stolz wäre: Ich hätte mir einen Tag Urlaub genommen, um mich um mich selbst und meine Gesundheit zu kümmern. Vermutlich wäre ich gerade auf dem Weg ins Fitnessstudio und würde eben noch einen letzten Blick in meine Sporttasche werfen. Ich wäre höchst motiviert, voller Energie und gerade in der Hochphase meines Trainings. Ein Lächeln würde über mein Gesicht huschen, die Kopfhörer hätte ich bereits auf und die Lautstärke der Musik wäre ein bisschen zu viel des Guten.

So wäre es wohl gewesen, vor einigen Monaten. Nun ist es etwas anders. Minimal. Ich habe zwar Urlaub, aber nicht, weil ich das möchte, sondern weil ich es muss. Resturlaub, Mutterschutz. Zwei Monate Party pur. Wenn auch ausschließlich in meinem Bauch. Meine Gesundheit hat sich den Krankenständen der umliegenden Kindertagesstätten angepasst. Der Trainingsanzug dient rein der Bequemlichkeit. Statt lauter Musik aus den Kopfhörern dröhnt eine spanische Telenovela aus dem Fernseher. Meine Motivation reicht vom Sofa zum Kühlschrank und wenn es die Umstände erfordern sogar bis ins Badezimmer.

Ein Studienkollege von mir hatte als Hobby Atmen. Ihm war das anstrengend genug.

Mein Fitnesstracker, den ich aus reiner Gewohnheit trage, lässt mich wissen, dass ich mit diesem Dasein dennoch rund 4.000 Schritte am Tag zurücklege. Die Wohnung ist so sauber wie sonst nie, wenn sich jemand aus meiner Familie zu Hause aufhält. Dreckige Wäsche gibt es (bis auf meinen Trainingsanzug) keine, denn Waschmaschine und Trockner sind in diesen Tagen noch produktiver als ich selbst.

Das beruhigt meine Nerven etwas, angesichts des drastischen Bewegungsmangels, unter dem ich derzeit tatsächlich sehr leide. Nicht nur emotional. Es ist ein Teufelskreis: Die Übelkeit und ihre Folgen haben mich in dieser Schwangerschaft so lange außer Gefecht gesetzt, bis mein Körperumfang und die Standartgebrechen einer Schwangerschaft meine letzte Hoffnung auf Bewegung zerstört haben.

Mein neues Ich ist 80 Jahre alt und angepisst

Muss ich mich mal nicht übergeben, verhindern eingeklemmte Nerven, dass ich mein Bein bewegen kann. Tut kein Nerv weh, sorgen die Wassereinlagerungen dafür. Bekomme ich die dank höchst attraktiver Kompressionsstrümpfe in den Griff, halten mich Übungswehen oder wahlweise Herzrasen mit starkem Schwindel davon ab, zumindest mal eine Runde um den Block zu spazieren. Laufen will ich nicht, sitzen soll ich nicht, liegen kann ich nicht.

Ich fühle mich in ein Alter versetzt, in dem meine Kernkompetenz vermutlich darin bestehen wird, dass ich mit einem Gehstock in der Hand aus dem Fenster heraus Jugendliche und Studenten auf der Straße beschimpfe. Meine Energie ist meinem Ehrgeiz gewichen, mich nicht von solchen „Banalitäten“ wie eben aufgeführt zwangsentschleunigen zu lassen. Deshalb vielleicht die neuentdeckte Leidenschaft für Haushaltstätigkeiten. Und Handarbeit.

Ich lerne, also … werde ich wieder!

Schon während meiner letzten ausgeprägten Frustphase habe ich damit begonnen, mich intensiver mit Nadeln und Garn auseinanderzusetzen. Diesmal nimmt es allerdings ungeahnte Ausmaße an. Nachdem mir meine Schwiegermutter tonnenweise Wolle vermacht hat (von der ihr gern etwas abhaben könnt, den Link dazu setze ich euch am Ende des Textes), schaue ich mich seit einigen Tagen durch zahlreiche Youtube-Tutorials und lerne zwar noch immer nicht richtig stricken, dafür aber häkeln.

Babydecken, Blumen, Mützen, alles habe ich inzwischen im Petto. Mein Mann verdreht die Augen besonders angesichts der vielen Krägen (ja, Krägen für Kleider und Shirts!), die ich mittlerweile in allen Farben und unterschiedlichsten Häkeltechniken angefertigt habe. Selbstverständlich in zweifacher Ausführung verschiedener Größe, damit ich der Tochter und mir im nächsten Schritt Partner-Outfits nähen kann, an denen ich diese Krägen anbringen werde. Klingt, als würde ich langsam den Verstand verlieren? Ja, mag sein. Abwegig ist es nicht. Die Möglichkeiten, aktiv zu sein, halten sich aber auch in Grenzen.

Zwangsentschleunigung? Habe ich schon mal irgendwo gehört.

So war es in den vergangenen Wochen schon. Oftmals krankgeschrieben, nutze ich jeden Tag, an dem ich mich mal etwas fitter gefühlt habe, um in die Arbeit zu gehen und das Liegengebliebene nachzuarbeiten. Soziale Kontakte wurden wieder gepflegt, mal ein Kaffee getrunken im Büro getrunken, und nach der Kita am Abend sogar noch ein Spielplatz besucht. Leben am Limit. Knapp zwölf Stunden lang. Dann das große k.O. – ich bin aber auch einfach nicht besonders lernfähig in Sachen „Kräfte einteilen“, „Pause machen“ oder „Schwäche akzeptieren“. Na und?

Deshalb gilt es nun umso mehr, das Beste aus der Situation zu machen. Mein Kopf ist frei und offen für den intensiven Konsum von Wissen. Ich lese mich aktuell quer durch die Fachliteratur der Bereiche Fitness und Gesundheit, überlege mir neue Themen für den Blog, habe mich für ein Studium zum geprüften Gesundheitscoach und Präventionsberater angemeldet und konzipiere gerade mein erstes Buch. Für Sportanfänger, versteht sich. Verbunden ist das Ganze mit mehr Stellungswechseln von Sitzen, Liegen und Stehen als bei einem Pornodreh und jeder Menge Geduld mit mir selbst.

Wir dürfen uns selbst niemals vergessen

Wenn ich aber etwas aus der ersten Schwangerschaft und dem ersten Jahr mit Kind gelernt habe, dann ist es: Du bist Mutter, aber du bist auch du. Gib dem Baby, was es braucht, und du dir, was du brauchst. Vergangenes Mal habe ich viel Zeit verstreichen lassen, in der ich unausgeglichen und unglücklich war, weil ich als Erstlingsmutter nicht wusste, dass ich mich auch um mich selbst kümmern darf. Wenn das Baby drei Stunden schläft, muss ich nicht aufmerksam daneben sitzen und es anstarren, um seine Atmung zu überwachen.

Ich kann ich dieser Zeit auch etwas tun, das mich entspannt und zufrieden stimmt. Als ich das beim vergangenen Mal verstanden hatte, waren Kind und ich ein Dreamteam der Gelassenheit. Es entstanden nebenbei wie von Zauberhand ganz wundervolle Projekte, die mich beruflich wie auch persönlich weitergebracht haben. Eine tolle Zeit war das, die ich nun noch einmal erleben darf und dafür bin ich wirklich sehr dankbar. Ich habe das Gefühl, ich blicke dieser Zeit besser vorbereitet entgegen, in jeder machbaren Hinsicht (natürlich weiß ich nicht, was passiert, wenn die Große und der Kleine sich kennenlernen und alles völlig eskalieren sollte …).

Dadurch lerne ich womöglich auch noch, der Zwangsentschleunigung etwas Gutes abzugewinnen. Denn ohne die wären all diese Einsichten und Tätigkeiten von Hirn und Hand vermutlich gar nicht möglich. Immerhin habe ich mich schon für einen Mama-Fit-Kurs für nach der Geburt angemeldet. Es ist also absehbar, dass ich wieder zu alter (körperlicher) Stärke zurückfinde und das ist gut zu wissen. Bis dahin sind meiner Kreativität in Sachen Bewegungsfindung ja keine Grenzen gesetzt, womit ihr sicherlich noch euren Spaß haben werdet.

 


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