Ich gehe joggen. Noch nicht besonders oft und auch nicht besonders weit, aber ich gehe joggen. So lange ich das auf einem Laufband im Fitnessstudio machen kann oder durch die Münchner Häuserschluchten, halte ich das für einigermaßen machbar. Was ich allerdings völlig unterschätzt habe, ist Laufen im Wald. Ich dachte, das sei ebenfalls einfach nur Bewegung. Doch es war mehr als das.

Laufen im Wald ist eine Challenge für sich. Das wissen alle, die lieber auf holprigen Waldwegen und freiwillig über Wurzelgestrüpp joggen als auf der Straße. Es ist nämlich nicht nur mit deutlich mehr Risiken für die Füße verbunden, sondern auch anstrengender. Die Unebenheiten fordern uns heraus. Wir müssen Hindernissen ausweichen; wir haben unterschiedliche Laufuntergründe, die unsere Bänder, Gelenke und den Gleichgewichtssinn fordern.

Auf all diese Dinge war ich noch einigermaßen gut vorbereitet. Natürlich habe ich viele Artikel zum Thema Laufen im Wald gelesen – allein schon, damit ich die richtige Schuhe hierfür parat habe. Das Outfit war auch recht schnell ausgewählt: Ich hatte mir einen Active-Wear-Pullover und eine kleine Flasche Wasser in einen Turnbeutel gepackt und auf den Rücken geschnallt. Sollte es also kühler werden während des Laufs oder danach, oder ich wahnsinnig Durst bekommen, hätte ich alles Wichtige dabei.

Die Strecke: Mitten im dunklen Schwarzwald

Mein Mann gab mir die Strecke vor. Wir hatten die Runde schon mal vor einigen Jahren gemeinsam absolviert, doch wirklich daran erinnern konnte ich mich nicht. Diesmal wollte er wieder mit mir laufen – ich habe ihn nach der ersten Runde aber vorneweg geschickt. Nicht, dass er sich noch langweilt.

Er ist ein wirklich gut trainierter Läufer und gut 2 km/h schneller als ich (das weiß ich aber nur, weil ich mal gespickt habe, als wir beide im Fitnessstudio auf den Laufband standen, er direkt neben mir). Ich hingegen bin eine schnellere Walkerin, wenn man so möchte. Über 7 km/h komme ich nicht raus, aber so ist es einigermaßen machbar, beinahe schon angenehm.

Also war ich quasi alleine Laufen im Wald und weil ich mich während der ersten Runde noch brav mit dem besten Vater von allen unterhalten hatte, verzichtete ich auf Musik. Den Moment, die Kopfhörer später odch noch in die Ohren zu stecken habe ich verpasst. Einfach mal nur laufen, das wird schon gehen. Dachte ich mir.

Wer Sport treibt, kann nicht einsam sein – oder doch?

Ein kurzer Exkurs. Normalerweise verliere ich mich sofort in tiefgründigen Gedanken, wenn ich allein bin und nicht von so etwas wie Musik und Bewegtbild abgelenkt werde. Das ist nicht immer schön, wie ich mal feststellen durfte, als ich ein altes Klavier restauriert habe und über Tage hinweg allein in einer Werkstatt saß. Der eigene Kopf kann einem fiese Streiche spielen und dafür sorgen, dass man mehr nachdenkt, als einem gut tut.

In der Zeit, in der man Sport treibt, kann man aber schlecht über seine Probleme grübeln. Laufen dient unter Experten deshalb nicht nur als Ablenkung vom Alltag, sondern tatsächlich auch zur Behandlung von Depressionen – Sporttherapie statt Psychotherapie ganz grob und fahrlässig formuliert. Die Hürde, vor die Tür zu gehen und etwas zu tun, das einem nicht leicht fällt, kann nämlich verdammt groß sein.

Am leichtesten fällt der Schritt wohl, wenn man ihn gemeinsam mit anderen wagt. Ist man von Gleichgesinnten umgeben, vermittelt das ein gewisses Gefühl von Sicherheit. Das heißt nicht automatisch, dass man sich in einer Gruppe zusammenschließen muss: Jeder Mensch da draußen, der auch gerade laufen ist, kann als Mitstreiter fungieren.

Verbündete lenken ab – von der Anstrengung und der Auseinandersetzung mit sich selbst

Man ist nicht allein, sondern joggt in Gesellschaft – selbst wenn man keinen direkten Sportpartner hat. Im Park, auf der Straße oder im Fitnessstudio begegnen uns während einer Laufeinheit andere Läufer. Für mich fühlt sich das immer ein bisschen so an, als hätte ich heimliche Verbündete. Die nur eben nichts von ihrem Glück wissen.

Der Typ auf dem Laufband neben mir schaut während seines Trainings vielleicht die selbe TV-Sendung wie ich? Perfekt, er gehört zu meinem Team. An der Isar begegnet mir ein anderer Läufer? Ich nickte ihm wissend zu und lächle dabei. „Du und ich, Kollege, wir haben hier den gleichen Plan, hm?“, würde ich ihm gern entgegen rufen und wünschte, er würde mir dann zuzwinkern und sagen: „Sowas von, Nina! Weiter so!“ Das ist natürlich albern. Aber die Vorstellung gefällt mir trotzdem.

Laufen im Wald macht einsam, aber auf eine gute Art

Gehe ich im Wald laufen, sieht es allerdings ganz anders aus. Die Chance, mitten in den Tiefen des Schwarzwaldes jemanden zu finden, der sich zufällig auf den selben Waldweg verirrt hat wie man selbst, ist gering. Selbst meinen Mann habe ich nicht wieder getroffen, obwohl wir gemeinsam einen Rundweg mit knapp 2,5 Kilometern gelaufen sind und er ja wirklich schnell ist. Ich habe sekündlich darauf gewartet, dass er mich wieder einholt. Vermutlich lief er aber durch eine andere Matrix, denn er ist mir erst am Ende der zweiten Runde am Auto wieder begegnet, wo er auf mich gewartet hat.

Ich hatte also 5 Kilometer Strecke, die mir quasi ganz allein gehört haben. Keine Musik auf den Ohren, so gut wie eine Geräusche im Wald. Die gesamte Umgebung lag da wie versteinert, eingefroren in der Zeit, ruhig. Erst schien die Sonne, dann zog ein Gewitter auf. Mit dem Gewitter kamen Regen und Hagel – und dort, mitten im Wald und Unwetter, lief ich.

Wenn ich euch jetzt sage, dass ich anfangs nicht mal gemerkt habe, dass es regnet, werdet ihr es mir vermutlich nicht glauben. Doch genau so war es. Nicht, weil ich währenddessen mit Nachdenken beschäftigt gewesen wäre. Im Gegenteil: Mein Kopf war komplett ausgeschaltet. Fenster am Hirn hoffen und einmal richtig durchgelüftet. Anders kann ich es mir auch nicht erklären, dass ich mich rückblickend weder an die Strecke erinnern kann, noch daran, wann ich meinen Mann aus den Augen verloren habe, wann das Gewitter eingesetzt hat oder wie lange ich letzten Endes überhaupt unterwegs war. Zum Glück hatte ich meine Tracking-App an.

Anstrengung sorgt dafür, dass es uns besser geht

Nach dem Lauf fühlte ich mich wie neugeboren. Kein Wunder: Beim Laufen werden körpereigene Stoffe freigesetzt, die uns Läufer in eine Art Rausch versetzen. Schuld daran sind unter anderem Endorphine, Cannabinoide, Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin. Wir fühlen uns besser, wir verlieren Ängste, unsere Schmerzen werden gestillt.

Die Psychotherapeutin Marieta Erkelens erklärte in einem Interview (2012): „Der Mensch merkt, dass es ihm durch sein eigenes Handeln, durch seine eigene Anstrengung, besser geht.“ Und das das ist verdammt gutes Gefühl. So einsam das Laufen im Wald auch war, so wenig hat mich diese Einsamkeit gestört. Es war beinahe eine Art mentale Freiheit, die ich währends des Laufs genießen konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Der Muskelkater nach meinen Waldrunden war zwar deutlich stärker und langanhaltender als nach dem Joggen durch die Stadt, doch er hat sich gelohnt. Oder anders gesagt: Er war es wert. Ich freue mich schon aufs nächste Mal Laufen in der Wildnis – und das ist eine Aussage, die von mir sicherlich niemand erwartet hat. Am wenigsten ich selbst.

  • © www.ichmachdannmalsport.de/Nina-Carissima Schönrock
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    Meine Laufstrecke im Schwarzwald. © www.ichmachdannmalsport.de/Nina-Carissima Schönrock
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    Mein erstes Mal Laufen im Wald! © www.ichmachdannmalsport.de/Nina-Carissima Schönrock
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    Bis es angefangen hat zu hageln. © www.ichmachdannmalsport.de/Nina-Carissima Schönrock

Ich, Nina, Jahrgang 1986 und Gründerin des Blogs „Ich mach dann mal Sport“, bin Zeit meines Lebens verliebt in Wort und Schrift. Jetzt nehme ich euch mit auf meine Suche nach Motivation und meinen Weg zu mehr Fitness.

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