Kann Sport süchtig machen? Ich habe einen Experten gefragt

Sport süchtig, Gewicht, Sportschuhe Kann Sport süchtig machen? Wissenschaft und Experten sind sich einig: Ja. ©Unsplash.com / Victor Freitas

Sport tut gut und Sport ist gesund. Das steht fest und daran zweifelt auch kaum jemand, der sich schon mal mehr als vom Sofa zum Klo und zurück bewegt hat. Aber kann Sport süchtig machen? Dazu habe ich einen Experten befragt.

Habe ich endlich mal wieder richtig ins Training gefunden, fühle ich mich verdammt gut. Ich tue wieder was für meinen Körper und meine Fitness, somit also auch für meine Gesundheit. Feine Sache. Doch kaum muss ich mal eine Trainingseinheit ausfallen lassen, weil sich kurzfristig Termine verschieben oder ich womöglich sogar krank geworden bin, leide ich wie ein Hund.

Ich kann keinen Sport machen! Das zehrt an meinen Nerven. Und das obwohl ich Sportanfänger bin, kein durchtrainierer Fitnessjunkie. Dennoch fühle ich mich, als würde man mich auf Entzug setzen. Moment mal, auf Entzug? Das würde ja bedeuten, dass ich eine Art Abhängigkeit entwickelt habe! Ich, die höchstens zwei- bis dreimal in der Woche überhaupt zum Sport geht und daher eigentlich nicht mal merken dürfte, wenn eine Trainingseinheit ausfällt. Die große Frage, die sich stellt, lautet daher:

Kann Sport süchtig machen?

Frank Heinemann, Bodypump-Nationaltrainer bei Les Mills, arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Fitnesstrainer. In dieser Zeit hat er Tausende von Menschen trainiert, motiviert, und in Sachen Sport aus- und weitergebildet. Er weiß genau, worauf es beim Training ankommt und welche Abhängigkeit davon sich bei vielen Sportlern einstellt. Deshalb wollte ich von Frank wissen:

Macht Training süchtig?

Frank Heinemann: „Ich weiß nicht, ob es das Training ist, das süchtig macht. Wir Menschen neigen dazu, nach Emotionen und Gefühlen süchtig zu werden. Wenn jemand anfängt, irgendwelche Drogen zu nehmen, dann wird er nicht unbedingt süchtig nach der Droge selbst, sondern nach den Gefühl, das diese Droge bei ihm auslöst. So ist es auch beim Fitnesstraining: Training bringt ein sehr gutes Gefühl mit sich.“

Woran liegt das?

Heinemann: „Der Körper fühlt sich anders an, man bekommt ein anderes Schlafverhalten und ein anderes Essverhalten, weil das alles ineinandergreift beim Sport. Ich glaube, man wird süchtig nach diesem Gefühl und setzt dann alles daran, dieses Gefühl zu behalten. Ich trainiere, weil ich dieses Gefühl behalten will, diese Fitness, diese Leistungsfähigkeit. Das möchte ich nicht aufgeben. Meiner Meinung nach ist das der Schlüssel.“

Sport kann also tatsächlich süchtig machen?

Heinemann: „Die Frage danach, ob Sport süchtig macht, muss ich definitiv mit „ja“ beantworten. Es ist aber eine angenehme und wahnsinnig schöne Sucht, wenn man so will. Vorrausgesetzt, man übertreibt es nicht und beachtet die Gesetzmäßigkeiten, die Sport und Ernährung mit sich bringen.“

Das sagt die Wissenschaft zum Thema Sportsucht

Auch die Wissenschaft ist sich inzwischen sicher, dass es so etwas wie Sportsucht tatsächlich gibt. Das Störungsbild ist Gegenstand unterschiedlicher Forschungen, wenngleich es in der Fachliteratur und in Diagnosehandbüchern bislang kaum bis gar nicht aufgeführt ist. Darauf weist Prof. Dr. Oliver Stoll, Fachmann für Sportpsychologie und Sportsoziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, in einem Interview hin.

Leistungssportler und Menschen in Wettkampfsvorbereitungen mal ausgeschlossen, leiden etwa ein bis vier Prozent der Bevölkerung an einer primären Sportsucht. Das heißt an einer Sportsucht, die nicht von weiteren Erkrankungen wie etwa einer Essstörung begleitet wird. Als Gründe liegen Forschern inzwischen zwei mögliche Erklärungen vor:

Zum einen sorgt Sport für eine Ausschüttung von Glückshormonen, also unter anderem Endorphinen. Was dadurch passiert, hat Frank Heinemann ja bereits ausführlich erläutert. Zum anderen löst Sport bei uns eine Art Gedankenautomatismus aus. unser Gehirn fährt die Aktivität des Präfrontalen Cortex herunter, wir werden in eine Art Flow-Zustand versetzt und hören auf, über Dinge und Probleme grübeln. Diese Leere im Kopf hat durchaus Suchtpotenzial.

 


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